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Soziales, 23. Mai 2022

Heidesheim gedenkt des Rheinwiesenlagers 1945

Heidesheim gedenkt des Rheinwiesenlagers 1945

Am 14. Mai gedachten über 50 Heidesheimer Bürgerinnen und Bürger des Rheinwiesenlagers, das sich 1945 zwischen Heidesheim und Heidenfahrt befunden hatte. Ortsvorsteherin Dr. Silvia Klengel eröffnete im Beisein der Beigeordneten Dr. Christiane Döll die Feierstunde am Gedenkstein an der K18, wo die Bläsergruppe der katholischen Kirchenmusik für den passenden Rahmen zwischen den Redebeiträgen sorgte. Ursprünglich war die Veranstaltung zum 75. Jahrestag des Lagers 2020 geplant, musste coronabedingt aber auf 2022 verschoben werden.

Die Redner zeichneten ein eindrückliches Bild der Situation im Frühjahr 1945. Jürgen Stoffel berichtete von Gesprächen mit zwei inhaftierten Männern, die ihm geschildert hatten, was sie damals als Teenager von April bis Juni 1945 im Rheinwiesenlager erlebt hatten. Thomas Klein erzählte von seinem Vater, der Insasse des Lagers war und ihm ebenfalls aus erster Hand von den furchtbaren Zuständen berichtet hatte. Historiker Christian Müller, der sich schon lange eingehend mit dem Lager befasst und der für einen Aufsatz im Geschichtswettbewerb als Schüler 2013 vom Bundespräsidenten als zweiter Bundessieger ausgezeichnet wurde, erläuterte den geschichtlichen Kontext und fasste die Chronologie des Rheinwiesenlagers prägnant zusammen.

Im Frühjahr 1945, um die Zeit der Kapitulation des Dritten Reiches, hatten die US-Amerikaner an der heutigen K18 ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet. In dem Lager, das sich rasch füllte und in das binnen kurzer Zeit um die 65.000 Menschen eingeliefert wurde, herrschten katastrophale Bedingungen für die Inhaftierten. Unzählige Menschen verhungerten, erfroren, wurden unter Erdmassen und anderen Häftlingen begraben oder erlagen ihren Krankheiten. Die Amerikaner hatten einen bürokratischen Kniff angewendet, um die geltenden Standards gemäß Genfer Konvention zu unterwandern: Die Insassen waren als „disarmed enemy forces“ deklariert, ein völkerrechtlich undefinierter Begriff, und damit juristisch keine Kriegsgefangenen. So konnten die US-amerikanischen Befreier weitaus weniger und unregelmäßiger Essensrationen verteilen und niedrigere hygienische Standards anwenden, als es für Kriegsgefangene üblich gewesen wäre.

Trotz allem herrschte bei vielen Überlebenden kein Groll gegenüber den Amerikanern, wie die Interviewpartner berichteten. Vielmehr lag Verständnis vor, weil es nun einmal einfach nicht ausreichend Nahrungsmittel gegeben und die US-Armee keine Wahl gehabt habe. Im Juni 1945, nach nur rund zwei Monaten, wurde das Lager auch schon wieder aufgelöst, zahlreiche Gefangene entlassen und die übrigen in andere Lager in der Region überführt. Es bleibt die Erinnerung an eine schreckliche und unübersichtliche Zeit, die sich nie mehr wiederholen soll, ob in Rheinhessen oder anderswo. Daher galt die Schweigeminute zum Schluss der Feierstunde ausdrücklich nicht nur den Opfern des Rheinwiesenlagers, sondern auch der Opfer des zweiten Weltkriegs und der Shoa sowie den Betroffenen aktueller Konflikte, wie dem Krieg in der Ukraine.

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