Mehr als Akkordeon und Gesang
Das Akkordeon ist das „Musikinstrument des Jahres“. Da passte es, dass bei „Folk um Fünf“ im Ingelheimer „Zeitensprung Zaubertheater“ mit Søren Thies ein Künstler auftrat, der dieses Instrument meisterlich beherrscht. Und wenn dann noch eine Gesangsstimme mit klarer Intonation hinzukommt, eröffnet das faszinierende Möglichkeiten. Wer allerdings angesichts des Programm-Titels „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen …“ bloß eine nostalgische Schlager-Revue mit Evergreens der 20er Jahre erwartet hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Denn viele dieser unverwüstlichen Gassenhauer hatten einen ganz speziellen Hintergrund. Sie stammten nämlich aus der Feder von jüdischen Komponisten und/oder Textern. Und für die sollten nach den „Goldenen Zwanzigern“ in unserem Land alsbald Zeiten anbrechen, die alles andere als golden waren. In ihrer rassistischen Verblendung wollten die Nationalsozialisten alles Jüdische aus dem deutschen Kulturleben verbannen. Mehr noch – diese „undeutschen“ Künstlerinnen und Künstler konnten sich ihres Lebens nicht mehr sicher sein. Viele von ihnen emigrierten und versuchten, in der neuen Heimat wieder Fuß zu fassen. Der dadurch entstandene Aderlass für das Kulturschaffen im einstigen Land der Dichter und Denker war immens. Søren Thies führte dies seinem Publikum an zahlreichen musikalischen Beispielen vor Augen. Dass sein Auftritt nur wenige Tage vor dem offiziellen Holocaust-Gedenktag stattfand, verlieh dem Ganzen nochmal eine besondere Note. Und jedem im Publikum wurde bewusst, dass das vielfach auf Bannern und Transparenten zu lesende „Nie wieder!“ mehr als eine Mahnung an die heute Lebenden ist. Mit dem Text „Die Welt ist klein geworden“ von Fred Endrikat zur Musik von Curt Bry wurde es auf den Punkt gebracht – das Unvermögen vieler Menschen zu gegenseitigem Respekt:
Wir sausen mit tausend PS dahin, Wir können es nicht mehr lassen. Wir sitzen im Turm von Babel drin Und können uns nur noch hassen. Wir haben das Licht elektrisch gemacht Und können uns trotzdem nicht seh´n. Wir haben ein Esperanto erdacht Und werden uns niemals versteh´n.
Diese Zeilen sind vor gut hundert Jahren entstanden – und sind dennoch erschreckend aktuell …






